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Danzig, 23. Juni 1942

Mein lieber Friedrich, vergangene Woche versprach ich Dir zu schreiben, um Dir ein Paar - wie sagtest Du so schön: "Traumstündchen" zu schenken. Dieser Bitte gehe ich selbstverständlich nach und erhoffe mir, Dir diese "Traumstündchen" durch meinen Brief schenken zu können. Wie geht es Dir an der Front, mein lieber Friedrich? Immer wieder höre ich Beunruhigendes und Schreckliches von Nachbarn und Bekannten. Ich hoffe doch sehr, dass es Dir besser ergeht und Du den Russen nicht zum Kanonenfutter vorgeworfen wirst. Allerdings halte ich das für unwahrscheinlich, da Du einen Rang genießt, den das ärmere Volk nicht vorzeigen kann. Ich hoffe jedoch inständig, dass Du wohlbehalten zurückkehren kannst. Bitte entschuldige, ich vergaß meine Manieren. Du weißt schließlich am besten über die Situation an der Front zu berichten als ich. Mir ist nur nicht ganz klar, was ich Dir - und wie ich Dir schreiben soll. Meine Gefühle und Gedanken aufzuschreiben wäre töricht und würde der Manier einer "feinen jungen Dame", wie es meine Mutter würde zu sagen pflegen, nicht entsprechen. Unser Kennenlernen ging so schnell vorüber und dennoch sitze ich hier an meinem Tisch und schreibe Dir diese Wirren Zeilen. Du sagtest, Du würdest gerne mehr über mich erfahren. Nun ja, Du weißt, dass ich mich bald 18 jährig nennen darf, ledig und die Schwester von drei kleinen Geschwistern bin. Ich spiele sehr gerne das Klavier meines Vaters und meine Großmutter schenkte mir vergangenen Herbst ein Cello, das mein Großvater regelmäßig zu spielen pflegte. Ich genieße die dunklen Töne und habe meine Freude an Bach und Mozart. Kommende Weihnachten werde ich wohl mit meinen Geschwistern ein Ständchen spielen müssen, was ich allerdings nicht als Pflicht, sondern als Genuss empfinde. Eben schaute meine kleine Schwester Irina bei mir zur Türe rein und gab mir zu verstehen, dass der Tee und der Kuchen angerichtet seien. Mein lieber Friedrich, ich wünsche Dir alles Gute weiterhin und würde mich über eine Antwort von Dir freuen. Deine Emilie
19.8.13 18:42


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Liebe Marie,

wir schreiben heute den 10. Oktober 2010. Ein Tag, an dem Opa und ich Dir diesen Brief schreiben, ein Tag wie jeder andere, ein Tag an dem wir uns Zeit nehmen, um Dir unser Leben zu überlassen. Dass es Deinem Großvater nicht gut geht, weißt du. Du weißt auch, dass man Dinge, die man erledigt und in Sicherheit wissen will, nicht ewig vor sich herschieben soll. Wie oft hast Du uns das gesagt? Dieser Brief ist jetzt die 10. Fassung und Opa meint, dass die Zeilen endlich richtig gewählt seien. Wir haben vor einer halben Ewigkeit damit begonnen, ein Tagebuch über unsere Beziehung zu führen. Sowohl Opa als auch ich nahmen Stifte zur Hand und ein Blatt Papier. Wir schrieben uns Briefe und lassen sie nach unserem Tod für Dich binden. Wir möchten, dass Du unser Leben liest, über das wir schon Nächte zusammen diskutiert haben. Wir möchten, dass Du eine Verwendung dafür findest: sei es als eine Art Handbuch für Fehler, die man machen kann oder als eine Art Wegweiser zum eigenen Glück. Denn auch die große Liebe kann Arbeit, Sorge, Angst und Verzweiflung sein. Wir wünschen Dir zwar, dass Du nicht die selben Erfahrungen sammeln musst wie Deine Großeltern, können Dich davor aber nicht bewahren. Wir lieben Dich, unser Goldschätzelein! Lass es Dir ein Lichtlein im Herzen und in guten- wie in schlechten Tagen eine Quelle für neue Energie sein. Du hast Deinen alten Großeltern so viel gegeben und sie glücklich gemacht. Wir sind stolz auf Dich und wünschen Dir ein lehrreiches, schönes, spannendes, erfolgreiches und vielfältiges Leben. Wir wünschen Dir alles Glück der Welt. Wenn Du dies liest, winken wir Dir vom Himmel her zu und erwarten Dich in ganz, ganz ferner Zukunft. In aller Liebe, Deine Oma und Dein Opa
19.8.13 16:29


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